Feb 26 2009

Sex mit Nazis

Published by floris at 17:54 under Musik,schwul

Es gibt eine Band: Die Bandbreite. Von der hatte ich noch nie etwas gehört, bis ich vor kurzem auf Der Anti-Deutsche gestoßen bin:

YouTube: Die Bandbreite: Der Antideutsche

Nicht schlecht, hab ich mir gedacht, eine deutsche Band, ziemlich politisch und engagiert, mit intelligenten Themen – wenn auch mit nicht immer ganz so intelligenten Texten. Aber sehr sympathisch.

Ich hab der Band hinterhergegoogelt und dabei widersprüchliches gefunden: Einen ziemlich gewalttätigen Text gegen den Kapitalismus zum Beispiel:

„.. Knick knack – Boom! – Kapitalisten – Knick Knack – Boom! – Kopfschuss! Kopfschuss! ..“ – naja, Kapitalismuskritik in allen Ehren, und ja, aus dem Kontext gerissen, sicherlich: nur bildhaft gemeint, aber für mich deutlich zu gewalttätig.

Nebenbei: Die Bandbreite bietet ihre Songs nicht z.B. unter cc-Lizenz auf ihrer Homepage an, sondern verkauft sie im angegliederten Shop, in dem es auch Tshirts und andere Produkte aus der bunten Welt des Merchandising gibt -  soweit zu Knick Knack Kopfschuss.

Aber ich will nicht zu undifferenziert werden: Auch ein Kapitalismuskritiker muß von etwas leben; in einer kapitalistischen Welt eben mit Hilfe kapitalistischer Mittel. Nun gut, und es geht um linken Hip Hop, da will ja auch eine Zielgruppe bedient sein..

Dann bin ich auf einen Flyer gestossen: „Die Bandbreite rockt nicht!“, von einer mir nicht näher bekannten, aber vermutlich selbsternannten emanzipatorischen „Linken“ (Quelle: de.indymedia.org):

Flyer der emazipatorischen Linken gegen die Bandbreite

Das hat die Band nun wieder in meiner Gunst steigen lassen. Nicht etwa, weil ich Homophobie und strukturellen Antisemitismus cool finden würde (siehe Flyertext) – selbstverständlich ist das Gegenteil der Fall – sondern weil jemand, der von einer solchen emanzipatorischen “Linken” auf diese Weise angegiftet wird, wenigstens irgendetwas richtig gemacht haben muß.

Dazu muß ich jetzt ein bißchen aus dem Nähkästchen meiner schwulenbewegten Vergangenheit plaudern:

Es war einmal vor langer Zeit eine schwule Party in der Roten Flora, mit allem was man sich wünschen kann – Darkroom inclusive, mit einer Videoanlage, auf der ein schwuler PorNo lief. Schwule Party, schwuler PorNo.

Dann stürmten emanzipatorische Linke diese Party, Heteros ihres Zeichens, zerstörten die Videoanlage und die Bildschirme, machten grölenden Aufruhr, die Party löste sich auf und sie gingen wieder.

Mir war zu der Zeit unerklärlich, was das sollte. Was sollten linke Heteros gegen linke Schwule einzuwenden haben? Die Antwort war: Die linken Partystürmer hatten theoretisch natürlich nichts gegen Schwule.

Aber: Es lief ein PorNo, in dem ein Mann einen anderen Mann in den Arsch f*t (darf man solche Worte in den Mund nehmen in einem öffentlichen Blog?).

In der Sichtweise dieser damaligen linken Heteros hatte der f*ende die Rolle eines Mannes und der gef*te die Rolle einer Frau. (Weil Sex immer nur zwischen Mann und Frau stattfinden kann.) Auf der Party lief also ein PorNo, in dem jemand in der Rolle einer Frau gef* wird. Ein solcher PorNo ist frauenfeindlich und ihn öffentlich vorzuführen ein Grund einzuschreiten! Die Party mußte also gestürmt und die Videoanlage zerstört werden.

So war das damals. Das ist eine wahre Geschichte.

Zurück ins Jetzt: Ist die Bandbreite nun homophob oder nicht? Diejenigen, die das behaupten, beziehen sich praktisch alle auf das Lied: Kein Sex mit Nazis. Hab ich mir also angehört. Und ich finde es absolut nicht schwulenfeindlich, im Gegenteil: Ich finde, es könnte sogar problemlos von einem ungeouteten Schwulen geschrieben worden sein :)

Vielleicht hat da bei den Heterolinken irgendjemand was nicht geschnallt. Oder ich hab da was nicht geschnallt, kann natürlich auch sein.. Meine Position zu dieser Band bleibt jedenfalls unklar. Ich werde mir entweder unbedingt oder keinesfalls ihre CD zulegen.

Hier das Video, meine sehr wertgeschätzte Leserschaft möge selbst urteilen: Homophob oder nicht?

YouTube: Die Bandbreite – Kein Sex mit Nazis (Studio 47)

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