Jul 04 2008

Travelling by octopus

Published by floris at 18:08 under Freiheit

Leider schon wieder ein Post, der mit Datenschutz zu tun hat; ich gelobe aber Besserung und werde meinen Fokus bei nächstbester Gelegenheit weiter aufziehen.. Einstweilen aber und aus aktuellem Anlass etwas über Google:

Reasons to travel by octopus

Als die alte Datenkrake Ende 2006 Youtube gekauft hatte, steckte hinter dem Videoportal plötzlich Geld. Und seitdem wird es auch von der Kulturindustrie immer wieder angegangen, gegen Verletzungen des Urheberrechts nicht genug zu tun.

So auch in einem aktuellen Prozess Viacom vs. Youtube: Damit Viacom nachweisen kann, daß sich Youtube-Nutzer in hohem Umfang nicht lizensiertes Material auf der Plattform anschauen, hat ein US-Gericht nun die Herausgabe sämlicher Logdateien von Youtube an Viacom verfügt. Dabei geht es um zwölf Terabyte Daten.

Auf Heise ist zu lesen: “[Ein solcher Datensatz] enthält die IP-Adresse des Rechners, mit der ein Nutzer ein Video betrachtet hat, den Zeitpunkt des Starts des Filmbeitrags, dessen Identifizierungsnummer sowie gegebenenfalls den Login-Namen des Anwenders. Aufgezeichnet werden die [...] Daten sowohl beim Anschauen eines Videos auf YouTube selbst als auch auf Drittseiten, in die ein solcher Filmschnipsel integriert ist.”

Diese Situation kann sich (ich würde mich sehr darüber freuen!) für Google zum Supergau entwickeln: Bisher hatte Google darauf vertraut, aus Gründen des Datenschutzes die eigenen Datensammlungen – die durch die Speicherung der IP-Adresse faktisch zu personenbezogenen Daten werden – nicht herausgeben zu müssen. Unabhängig davon durfte Google nach US-Datenschutzrecht die Daten aber überhaupt nur speichern, weil der Konzern argumentiert hatte, die IP-Adresse würde nicht ausreichen, um einen Personenbezug herzustellen.

Beides zusammen ginge nicht, befand der Richter, und verfügte die Herausgabe der Daten.

Weil diese Daten das Potenzial haben, Millionen von Internetnutzern in aller Welt – die sich gelegentlich ein Youtube-Filmchen anschauen – als Nutzer von urheberrechtsverletzendem Material zu enttarnen – was inzwischen in vielen Ländern Dank der Lobbyarbeit der Kulturindustrie eine Straftat ist – wurde es offenbar sogar Viacom mulmig: Der Medienkonzern beteuerte, es lediglich auf Google abgesehen zu haben und die Daten nicht personenbezogen auswerten zu wollen.

Im Moment schaut es so aus, als würden Google und Viacom sich darauf einigen, den Datenzugriff so zu gestalten (indem die IP-Adressen durch anonymisierte IDs ersetzt werden), daß ein Personenbezug nicht mehr hergestellt werden kann. Das grundsätzliche Problem einer zunehmenden Überwachung durch Staaten und Konzerne aber besteht weiter.

Wir brauchen ein Recht auf Anonymität im Internet. Und wir brauchen Gesetze, die die Diensteanbieter dazu verpflichten, diese Anonymität technisch sicherzustellen. Neben jedem für sich selbst, soll einzig der Staat diese Anonymität aufheben dürfen – und zwar nur im Einzelfall, bei einem konkreten Verdacht auf eine Straftat einer bestimmten Schwere. Die Speicherung von Daten auf Vorrat muß abgeschafft werden.

Alles andere führt über kurz oder lang zu einer Totalüberwachung des Internetverhaltens eines jeden Bürgers. Und ich bin davon überzeugt: So sicher wie sich eine Diktatur um totale Überwachung bemüht, führt eine totale Überwachung die westlichen Demokratien in eine informationelle Diktatur.

Näheres bei SpOn oder auf ZDNet.

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